Details
Study title
Lifestyle and religiousness. Empirical study on the meaning and practice of religious rituals in young families in German-speaking Switzerland
Ref study 9052
Study language German
Contributing institutions
Authors
Keywords
  • Familie
  • Rituale
  • Freizeitaktivitäten
  • Lebensstile
  • Religiöse Semantik
  • Wertorientierungen
Disciplines
Period
2005
Geographical space
Deutschschweiz
Country
  • Switzerland
Abstract
Within the framework of the National Research Program 52 "Childhood, Youth and Intergenerational Relationships in a Changing Society", the Institute for Practical Theology of the University of Bern carried out the research project "Rituals and Ritualizations in Families: Religious Dimensions and Intergenerational References". Within this research project, the Swiss Pastoral Sociology Institute (SPI) carried out a written representative survey among young families in German-speaking Switzerland. The study focuses firstly on the description of the religious-ritual practice in young families. The ritual practice of young families is examined using the examples of the three ritual complexes Baptism, Good Night Rituals and Christmas celebration. The young mothers and fathers are questioned about the form and meaning of these rituals. On the other hand, the study is interested in the embedding of the three rituals in the everyday life of young families with their diverse mentality profiles, interpretation horizons and conceptions of a good life. Rituals and their interpretation for people's lives can only be adequately interpreted when they are addressed in the context of modern living conditions. Rituals do not represent a special area of human life, but are based on elementary and vital life activities. The feelings, values, attitudes as well as the participants’ conception of the world and mankind and the scope of their relation to transcendence are articulated by these activities, and the life situation is reflected in their own habitual patterns of interpretation. Against this background, the central questions of investigation were:
1. What is the plausibility of religious attitudes and religious-ritual practice for the young parents under the conditions of late modernity? What religious traditions correspond to young families today?
2. What is the complex interplay between the form and meaning of ritual practice and the contextual variables? Can typological patterns be identified?
3. How do the ultimate meanings, subjectivization of life, value preferences, church reference and lifestyle affect the ritual-religious practice of young families?
4. How do young parents view the compatibility of rituals and modernity as a claim to autonomous living?
Results
Aus einer ersten und vorläufigen analytischen Bearbeitung des Datenmaterials erschliessen sich die folgenden Einsichten aus der Befragungsthematik:
(1.) Wir haben es auch heute noch mit einem weit verbreiteten Ritualbedürfnis in jungen Familien zu tun. Die höchste Wertschätzung in Bezug auf die kirchlich angebotenen Rituale erfährt die Taufe des Kindes mit 90.8%, gefolgt vom Wunsch nach einer kirchlichen Bestattung (71.4%) und der Trauung in der Kirche (70.6%). An den Lebenswenden möchte man nicht auf die rituelle Begleitung durch die Kirchen verzichten. Über ihr Ritualangebot sichern sich die Kirchen erfolgreich ihren Status als offizielle Verwalterinnen der Religion in der Schweiz.
Ohne Konkurrenz präsentieren sich die Kirchen bis heute bei der rituellen Begleitung der Schwellenerfahrung, die durch die Geburt eines Kindes bei jungen Eltern ausgelöst wird. Die volkskirchliche Praxis der Kindertaufe hat nach wie vor einen ausserordentlich hohen Rang im Bewusstsein der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Hohe Nachfrage erfahren Rituale an den Übergängen im Leben eines Menschen. Der biographische Rhythmus steuert den Zugang zu den kirchlichen Riten. Die Bedeutsamkeit der Rituale erschliesst sich in ihrem lebensgeschichtlichen Bezug. Die Kirchen werden als öffentliche Religionseinrichtung wahrgenommen, die da sind zur rituellen Bewältigung von Lebenspassagen.
(2.) Bedeutend schwächer ausgeprägt als das Bedürfnis nach ritueller Begleitung bei Lebenswenden durch die Kirchen ist die Orientierung der jungen Generation an den christlichen Glaubensinhalten. 16,5% erkennen ausschliesslich im christlichen Glauben das Fundament ihrer Lebensführung, 23,8% zeigen sich neben hoher Zustimmung zu christlichen Glaubensinhalten empfänglich für Orientierungsangebote neureligiös-esoterischer Art. Bei 7.2% Areligiösen kann nicht von gottfernen jungen Familien gesprochen werden.
(3.) Die Nachfrage nach kirchlichen Ritualen liegt deutlich höher (67.3%) als die Zustimmung zu christlichen Glaubensaussagen (44.6%). Kirchliche Rituale werden demnach in Anspruch genommen ohne gleichzeitig den Deutungen durch die Kirchen zuzustimmen. Ein Teil der Befragten setzt auf Eigeninterpretation der kirchlichen Rituale.
Belangvoll ist heute Religion für zahlreiche Menschen nur insoweit, wie sie bestimmte Wirkungen bei jedem einzelnen hervorrufen vermögen: Gefühle, Stimmung, Betroffenheit, Ergriffenheit, die als heilsam, befreiend tröstend, ermutigend oder erhebend empfunden werden. In den kirchlichen Ritualen manifestiert sich für etliche Menschen eine Religiosität jenseits von Dogma und Moral. Man möchte fühlen und spüren, was man glaubt. Das besondere Attraktive der Rituale macht ihr Erlebniswert aus.
In den Riten und Ritualen wird eine religiös-ästhetische "performance" praktiziert, die auch bei Personen Interesse findet, die sich jenseits der moralischen und dogmatischen Auslegung kirchlicher Überlieferung bewegen. Hier scheint am ehesten erlebbar zu sein, was Religion leisten kann: nämlich Medium zu sein für den Grenzverkehr zwischen Immanenz und Transzendenz, für die Vergegenwärtigung des Jenseitigen, für die sinnliche Repräsentanz des den Sinnen Entzogenen. Im Ritual kann man sich sinnvoll von dem ergreifen lassen, was begriff-lich nicht zu fassen ist.
(4.) Die kirchlichen Rituale sind nicht gänzlich "jenseits" von Dogma und Moral angesiedelt und folgen nicht einer ganz anderen inneren Logik Je christlicher die Glaubenshaltung, desto nachhaltiger das Bedürfnis nach ritueller Begleitung bei Lebenswenden.
Bei aller Verschiedenheit der inneren Logik, Rituale und Glaubensüberzeugung gehören zusammen zu den grundlegenden Ässerungen einer christlichen Glaubenshaltung. Die Korrelationskoeffizienten zwischen Ritualbedarf und den beiden Aussagen: "Es gibt einen Gott, der sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat." und "Die Auferstehung von Jesus Christus gibt meinem Tod einen Sinn." betragen r =.52 und.49).
(5.) Rituale helfen zahlreichen Menschen wie ein "Geländer" über semantische Unsicherheiten in der religiösen Selbstverortung hinweg. Unsicherheiten und Defizite im semantischen Bereich werden mit Sicherheiten im rituellen Bereich aufgefangen. Die Nachfrage nach ritueller Lebensbegleitung beinhaltet die Hoffnung, dass bei aller religiösen Sprachlosigkeit das Ritual seine Kraft entfaltet. Ist keine explizite religiöse Lebensdeutung nicht mehr verfügbar, bleibt der Glaube an die Wirkkraft der Rituale.
Eine diffuse Religiosität charakterisiert die Personengruppe mit einem allgemeinen Transzendenzglauben (18%) und die sogenannten religiösen Humanisten (14.4%). Von der ersten Gruppe wird ein abstraktes Prinzip der Transzendenz angenommen, das unterschiedliche Auslegungen erfahren kann. Den Glauben an eine höhere Macht interpretiert der religiöse Humanist als Kreislauf zwischen Mensch, Natur und Kosmos, wobei offen bleibt, ob es ausserhalb dieser Welt noch etwas gibt. Bei 77.9% der Personen mit einem allgemeinen Transzendenzglauben ist die Ritualnachfrage hoch, bei 56,8% unter den religiösen Humanisten.
(6.) Mehr als ein Drittel der Areligiösen zeigt eine hohe Nachfrage nach kirchlichen Ritualen (37.5%) und weitere 25% eine mittlere. Der Bezug zu einem transzendenten Daseingrund verlagert sich in die Immanenz. Gesucht wird letzter Lebensinhalt und emotionale Stabilität im Ritualvollzug selbst. Vom Ritualvollzug wird all das erwartet und erhofft, was in den Kompetenz- und Wirkbereich der Religion fällt. Im Ritual findet selbstreferenzielle Subjektivität letzte Verankerung in einer Gesellschaft, die keine objektiven Anhaltspunkte mehr für die Identitätsbildung und -stabilisierung zur Verfügung stellt. Das Individuum vergewissert sich seiner selbst im Ritualvollzug ohne Bezug zu einer transzendentalen Wirklichkeit. Die Begegnung mit dem Göttlichen bedeutet Begegnung mit dem eigenen Selbst. Im Ritualvollzug findet eine Sakralisierung selbstreferenzieller Identität statt. Rituale gewähren emotionale Bestätigung. Die starke Akzentuierung der Erlebnisdimension von Ritualen verdrängt den Verweisungscharakter auf das "Heilige" als das Ausseralltägliche, Nicht-Verfügbare.
(7.) Kirchliche Rituale werden umso obsoleter erfahren, je selbstbestimmter und in Referenz auf sich selbst die eigene Lebensführung verstanden wird. Empirisch aufzeigen lässt sich dieser Sachverhalt am Relevantverlust kirchlicher Rituale unter Neureligiösen. Die Nachfrage nach kirchlichen Ritualen und neureligiöse Gesinnung stehen in einer negativen Beziehung zueinander (r = -.29). Der Typ des Neureligiösen verkörpert einen Perspektivenwechsel von einer geoffenbarten, in einer Lehre verfassten Religion hin zu einer subjektivistischen Grundstruktur der Wirklichkeitsauffassung.
(8.) In den Daten zum Freizeitverhalten, den Wertepräferenzen und zum Musik- und Fernsehgeschmack lassen sich fünf Lebensstilmilieus unter jungen Familien ausmachen: Selbstverwirlichungs-, Erlebnis-, Harmonie-, Integrations und Unterhaltungsmilieu.
Wie religiöses Erleben und Handeln stark nach Lebensstilmilieus variiert, ist der kirchlich?e Ritualbedarf sehr unterschiedlich in den fünf Lebensstilmilieus ausgeprägt. Einen positiven Bezug zu kirchlichen Ritualen kann allein im Integrations- und Harmoniemilieu festgestellt werden. Die Manifestationen des christlichen Glaubens, sei es als Weltanschauung oder rituelle Praxis, haben eine ausgesprochen eindeutige und unverwechselbare lebensweltliche Verankerung. Der Zugang zur christlichen Lebenswelt verbindet sich spürbar mit der Zugehörigkeit zum Harmonie- und Integrationsmilieu.
Erstmals wird für die Schweiz eine milieuspezifische Artikulation und Praxis des christlichen Glaubens empirisch nachgewiesen. Prozesse des Zugang und der Abgrenzung vom christlichen Glauben sind eng verwoben mit existentiellen Lebenseinstellungen und der Daseinsphilosophie eines Menschen.
Methods (description)
Aus Kostengründen wurde einer schriftlichen Befragung junger Eltern der Vorzug gegeben. Befragt wurden Väter und Mütter mit Kindern im Alter von sechs und neuen Jahren. Da sich der Fragebogen fast ausschliesslich auf christlich-abendländische Kulturbestände bezieht, wurden Muslime nicht befragt.
Da der Fragebogen lediglich in deutscher Sprache vorliegt, konnte er nur ausgefüllt werden von Eltern, die Deutsch verstehen. Die Ausklammerung insbesondere fremdsprachiger Ausländer(innen) hatte von daher rein praktische Gründe. Die verfügbare Zeit liess die Abfassung eines mehrsprachigen Fragebogens nicht zu. Die Befragung beschränkt sich auf die deutschsprachige Schweiz mit eingeschlossen das Oberwallis und Deutsch-Freiburg. Das Ziel war es, Auskunft über die rituelle Praxis von rund 1'200 Familien zu erhalten. In die Auswertung konnten schlussendlich 1344 ausgefüllte Fragebogen aufgenommen werden. Der Fragebogen wurde jeweils von einem Elternteil in der Familie ausgefüllt.
Methods (instruments)
Publications
  • Morgenthaler, Christoph. 2011. Abendrituale. Tradition und Innovation in jungen Familien. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Hauri, Roland. 2011. Christmas celebration, an annual family gathering. In: Jallinoja, Riitta & Widmer, Eric D. (Eds.). Families and kinship in contemporary Europe. Rules and practices of relatedness. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 45-62.
  • Hauri, Roland; Morgenthaler, Christoph. 2010. Lebensstile und Familienrituale. Zur sozial-strukturellen Einbettung von Taufe, Weihnachtsfeier und Abendritual. In: Morgenthaler, Christoph & Hauri, Roland (Hg.). Rituale im Familienleben. Inhalte, Formen und Funktionen im Verhältnis der Generationen. Weinheim: Juventa, 81-111.
  • Hauri, Roland. 2008. Wer ist wann dabei? Familienkonfigurationen an Weihnachtsfeiern von Familien. In: Baumann, Maurice & Hauri, Roland (Hg.). Weihnachten - Familienritual zwischen Tradition und Kreativität. Stuttgart: Kohlhammer, 65-93.
Unpublished documents
Financed by
Study type
Data availability
Source (Updates) Web
Date created 23.03.2018
Date modified 23.03.2018
Start - End date 01.02.2003 - 28.08.2009