Details
Study title
The role of psychosocial factors in protracted and disabling processes after trauma in the lower spinal column
Ref study 680
Study language German
Contributing institutions
Authors
Keywords
  • Chronische Krankheiten
  • Psychosoziale Faktoren
  • Rückenverletzungen
  • Unfallmedizin
Disciplines
Period
1990-1992
Geographical space
Schweiz
Country
  • Switzerland
Abstract
The aim of the study was the identification of psychosocial factors, which delay the healing process after an injury in the lower spinal column and contribute to a chronification with a possible disablement. The clinical experience at the SUVA Rehabilitation Clinic Bellikon showed that the healing process after back injuries is determined not only by the extent of the injuries suffered but also by psychosocial factors. The aim of the study was to identify these factors and thus contribute to a better understanding of chronification processes, so that such "risk patients" can be detected early on and given optimal case management in the medical and insurance business.
Results
Patienten mit Chronifizierungsmerkmalen schätzen ihre eigene Verlaufsprognose viel pessimistischer ein als jene mit Normalverläufen. Sie neigen in ihrer Unfallverarbeitung zu depressiver Resignation, Hadern mit dem Schicksal und befürchten mitunter sogar ein künftiges Leben als schmerzgepeinigter, invalider Frührentner. Nicht nur ihre gesundheitliche Prognose fällt düster aus, auch auf dem Arbeitsmarkt sehen sie nur noch eine geringe Chance.
Die Unfallverarbeitung ist zwar sehr individuell durch die Persönlichkeit geprägt, sie hat aber dennoch einen Bezug zur realen Situation des Betroffenen. Vor allem fällt der soziale Hintergrund derjenigen mit Chronifizierungsmerkmalen auf: Sie verfügen über wenig Bildung und arbeiten zu rund 65% in Branchen mit körperlicher Schwerarbeit (Baugewerbe, Bergbau, Land- und Forstwirtschaft), wo sie häufig als Hilfskräfte angestellet sind; zudem sind 30% von ihnen mit den Arbeitsbedingungen unzufrieden. Der Verlust der körperlichen Unversehrtheit hat einschneidende Konsequenzen, da ihnen bei Einbussen in der Leistungsfähigkeit der Verlust der Arbeit droht.
Mit der sozialen Schichtzugehörigkeit geht auch eine spezifische Lebensweise einher. Patienten mit Chronifizierungsmerkmalen verfügen nur über wenig Erholungs- und Enspannungsmöglichkeiten, sie sind ausgesprochene "Krampfer"-Naturen. Die einseitige Ausrichtung des Lebens auf Arbeit und Leistung lässt beim Wegfall dieser Form von Selbstbestätigung ein Vakuum entstehen, das nicht so leicht aufzufüllen ist; das Selbstwertgefühl erleidet dann empfindliche Einbussen (der Bauarbeiter erlebt sich als "halber Mann" und lässt sich noch ganz fallen). Entsprechend der Unterbewertung von nicht leistungsbezogenen Lebensbereichen werden die zwischenmenschlichen Beziehungen bei chronifizierten Patienten als weniger befriedigend erlebt und mit geringer sozialer Kompetenz gestaltet als bei Patienten mit normalen Heilungsverläufen.
Der chronifizierte Patient ist ein "schwieriger" Patient: Er erwartet von der Medizin passiv die "Reparatur" seines Gesundheitsschadens und kann sich selber nur wenig helfen. Auf der anderen Seite stufen 63% der chronifizierten Patienten ihre Behandlung entweder als nutzlos oder gar schädlich ein.
Was die Kosten betrifft, so verursachen die chronifizierten Patienten ein Mehrfaches von denjenigen mit Normalverläufen. Während beispielsweise in der Beobachtungsperiode eine leichte Rückenverletzung im Normalfall durchschnittlich 1285 Franken an Heil- und 2822 Franken an Taggeldkosten betrug, kam dieselbe Verletzung im Falle der Chronifizierung auf 18'658 Franken Heil- und 72'536 Franken Taggeldkosten zu stehen. Bei leichten Verletzungen macht der Unterschied gar den fünfzehnfachen Betrag aus.
Konsequenzen. Der Rehabilitationsverlauf nach Rückenverletzungen muss gut überwacht werden: Wer drei Monate nach einer leichten Verletzung bzw. ein Jahr nach einer erheblichen Verletzung noch nicht arbeitet, zeigt Merkmale einer Chronifizierung. Diese ist letztlich ein Krankheitsgeschehen, das diagnostiziert werden muss. Chronifizierte Patienten sollten nicht mehr mit den somatischen Methoden (Physiotherapie, Medikamente, usw.) behandelt werden, weil diese kaum eine positive Wirkung zeigen. Es ist auch wenig hilfreich, aufgrund hartnäckiger Beschwerden immer wieder neue spezialärztliche Abklärungen vorzunehmen.
Anstelle der Medizin sollte im Falle einer Chronifizierung der Rückenbeschwerden die berufliche Wiedereingliederung Vorrang haben. Es geht darum, den Patienten wieder zu einer aktiven Lebensgestaltung zu ermuntern, statt dass er passiv auf die Genesung wartet. Zur Übernahme von Eigenverantwortung gehört nicht nur der weitgehende Verzicht auf Hilfe seitens der Medizin, sondern ein Tagesprogramm mit einer regelmässigen Beschäftigung.
Methods (description)
Grundgesamtheit: SUVA-Versicherte mit Rückenverletzungen im lumbo-sacralen Bereich, die folgende Bedingungen erfüllen: Alter 18-60 Jahre; Nationalität Schweiz, Italien oder Ex-Jugoslawien; keine erhebliche Zusatzverletzungen.
Datenerhebung: Datenerhebung erfolgte mit einem semistrukturierten Interview, der somatischen Befunderhebung sowie anhand der Unfallakten (SUVA-Patientendossier). Einzelbefragung, klinische Untersuchung, Dokumentenrecherche.
Auswahlverfahren: Aufgenommen wurden ab einem Stichtag alle in die SUVA-Rehabilitationsklinik eintretenden Rückenverletzten bzw. die auf den SUVA Kreisagenturen Luzern und Aarau eingehenden Unfallmeldungen, welche die obigen Bedingungen erfüllten. Untersucht wurden 2 Stichproben mit je 70 (ambulant) und 124 (stationär) Probanden.
Zeitbezug: April 1990 bis September 1992 – Erst-Untersuchung mit Follow-up nach einem Jahr
Erzielte Stichprobengrösse: 194
Datenerhebung durch: durch Interviewer und Ärzte der SUVA Kreisagenturen in Luzern und Aarau und sowie der SUVA Rehabilitationsklinik in Bellikon.
Analysemethoden (hauptsächlich): deskriptive Statistik, Inferenzstatistik und multivariate Verfahren (Faktorenanalyse und logistische Regression).
Methods (instruments)
Publications
  • Thali, André; Stern, Silvia; Rothenbühler, Bernhard; Kraan, K.. 1994. Die Rolle psychosozialer Faktoren bei chronifizierten Verläufen nach Verletzungen im unteren Wirbelsäulenbereich. In: Z. Unfallchir. Vers. med. 87, 1994, S. 31-44.
Unpublished documents
  • Thali, André; Stern, Silvia; Rothenbühler, Bernhard; Kraan, K.; Christen, L.; Augustiny K.-F., . 1993. Die Rolle psychosozialer Faktoren bei protrahierten und invalidisierenden Verläufen nach Traumatisierungen im unteren Wirbelsäulenbereich. Studie im Rahmen des Nationalen Forschungsprogrammes Nr. 26 Mensch, Gesundheit, Umwelt, Teil B: Chronifizierung von Rückenschmerzen, Projekt Nr. 4026-27066, Bellikon, 1993 (Schlussbericht).
Financed by
Study type
Data availability
Source (Updates)
Date created 16.04.2018
Date modified 16.04.2018
Start - End date 01.10.1989 - 28.03.1993